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Lebenskunst und Zeitenschmelze – die Galerie »art de vivre« im Münchner Lehel

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Lebenskunst und Lebenspartikel

Sucht man heute nach der Lebenskunst bzw. googelt man ihren lateinischen Namen »ars vivendi«, wird es sofort pragmatisch: Hotels heißen so, Restaurants, Verlage und sogar Shops für Nylonstrümpfe. Also Bücher lesen und dabei Feinstrumpfhosen tragen – ist das schon praktizierte Lebenskunst?

Auch wenn der Begriff schon immer ein breites Feld von Interpretationen eröffnet hat: ursprünglich kommt er aus der Philosophie und verwendet wird er schon seit der Antike. Die Vorstellungen, was Lebenskunst eigentlich ist, reichen dabei vom unbeschwerten Lebensgenuss bis zur konsequenten Selbstverwirklichung. Der gemeinsame Nenner aller Lesarten ist aber: immer geht es darum, wie der Einzelne sich in der Welt positioniert und in ihr besteht. In Wandelzeiten wie wir sie durchleben also ein mehr als aktuelles Thema. Wenn die Medien jeden Tag voll sind mit gezielt alarmierenden und häufig widersprüchlichen Nachrichten rund um die üblichen D-, G- und B-Begriffe (Digitalisierung, Globalisierung, Beschleunigung… ), fragt man sich unweigerlich: Wie passt die Welt eigentlich noch zusammen? Und: wo stehe ich dabei eigentlich, mit meinen eigenen unzähligen Lebens-Partikeln?

  

Der Ort der harmonischen Dissonanz

Ein wunderschöner (Flucht-)Ort, an dem die unterschiedlichsten Einzelteile in einem harmonischen Ganzen verschmelzen, ist die Kunstgalerie »art de vivre« im Lehel. Von außen eher unscheinbar, ist die Galerie von innen ein nahezu magischer Ort: In den Räumlichkeiten eines ehemaligen Kolonialwarenladens, vor rauen Wänden und unter einer Metalldecke voller alter Schablonenmalerei, findet man zum Beispiel ein Paar französischer Kerzenleuchter aus dem 18. Jahrhundert neben einem abstrakten Bild aus München von 2004. Oder man entdeckt einen verchromten Couchtisch aus dem L.A. der 70er Jahre neben einer japanischer Vase von 1900.

Das Spannende sind dabei nicht nur die Gegenstände selbst, sondern, wie all die verschiedenen Zeiten und Stile sich zusammen völlig stimmig anfühlen. »Antiquitäten aus allen Epochen und Kunststilen finden hier ihren Kontrapunkt. Dabei sind alle meine Objekte Einzelstücke, die ich aufgrund ihrer besonderen Ausstrahlung ausgewählt habe.« erklärt Inhaberin Christina Haubs, die ihre Galerie mit Liebe zum Detail, einem besonderen Gespür für Ästhetik und 30 Jahren Erfahrung führt. Ihre Philosophie es ist, den Menschen Mut zu machen – zum Leben mit der Kunst und zum ästhetischen Bruch.

Die Aura des Unvollkommenen

Und noch eine Haltung lebt Frau Haubs voller Überzeugung: die Abkehr von der faden Perfektion. Während Kunstgegenstände (genauso wie Menschen…) heute gerne gnadenlos glattgebügelt werden, bis neu nicht mehr von alt zu unterscheiden ist und jegliche »Makel« – sprich: Spuren von Nutzung und Geschichte – ausradiert werden, passiert in Haus Nummer 14 in der Tattenbachstraße genau das Gegenteil. Die einzigartige Ausstrahlung jedes Unikats zu erhalten, ist für Frau Haubs auch im Fall einer Restaurierung oberstes Gebot. Hat ein Jugendstil-Stuhl beispielsweise ein gebrochenes Bein, wird er in der hauseigenen Holzwerkstatt sorgsam restauriert, ohne dabei das auszulöschen, was den Stuhl ja überhaupt erst so interessant gemacht hat: seine Ecken und Kanten, seine Ausstrahlung, seinen unverwechselbaren Charakter.

(Ästhetische) Gegenwartskonzepte

Wahrscheinlich sind es genau diese zwei Dinge, die mich (neben der Tatsache, dass eigentlich alle Objekte bei Frau Haubs einfach wunderschön sind), immer wieder an diesem Ort faszinieren: die Liebe zum Imperfekten und der Mut zum Leben in der Zeitenschmelze. Zwei Themen, die sich and diesem speziellen Ort zwar hauptsächlich durch alte Objekte manifestieren, die aber auch genau die Themen unserer Gegenwart sind.

Galerie ars de vivre

Christina Haubs
Tattenbachstraße 14
80538 München – Lehel
www.christina-haubs.de