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Vom Papier in die Cloud und zurück ins Office – über Nutzwert und Nerverei im Umgang mit der Cloud

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Eine Schwäche für die Ewigkeit

Tief in meinem Inneren bin ich ein Dinosaurier. Obwohl ich zu der Generation gehöre, die live miterlebt hat, wie Computer und Internet unser Leben verändert haben, habe ich die Auswirkungen und Möglichkeiten der Digitalisierung lange verdrängt. Zum einen, weil ich aus einem mehr oder minder anti-technologisch eingestellten Kunstsammler-Haushalt stamme und ein angeborenes Misstrauen gegenüber allem mitbringe, was ohne Strom nicht funktioniert. Aus dem gleichen Grund, vielleicht auch verstärkt durch das Germanistikstudium, habe ich eine Schwäche für alles, was unveränderlich und für die Ewigkeit gedacht ist – ganz besonders, wenn es auf dickes Papier gedruckt ist und mit einem Lesebändchen in einem schweren Holzregal steht.

Hello Transformation, hello Cloud

Da hat man also so rückwärtsgewandten Anlagen und plötzlich kommt dann der Moment, an dem man feststellt: so geht der Quatsch wirklich nicht weiter. Nicht nur, dass man sich als Papier-Nerd gegenüber technisch dynamischer veranlagten Kollegen vorkommt, als wäre man alleine überhaupt nicht mehr überlebensfähig. Ist man ein Freund von Freiheit und Selbstbestimmung, ist es ja auch geradezu fahrlässig, nicht wenigstens einige Vorteile zu nutzen, die das digitale Zeitalter, wie man ja auch zugeben muss, mit sich bringt. Zum Beispiel die Cloud. Ich meine: man kann sich physisch an zwei völlig unterschiedlichen Orten befinden und trotzdem gleichzeitig in ein und demselben Dokument arbeiten – wer will da ernsthaft behaupten, dass wäre nicht cool? So magic die Cloud in gewisser Hinsicht ist – manchmal bestätigt sie dann aber doch wieder die alten Stimmen, die meckern: im virtuellen Land ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Denn die Cloud hat auch Bugs, die einen verrückt machen können. Und zwar nicht nur digitale Quereinsteiger wie mich. Hier sind die top drei Themen, mit denen Cloud-Writer täglich zu kämpfen haben.

Jenseits der Interpunktion: Die Sache mit den Anführungszeichen

Ich beginne mit einem besonders kleinen aber für alle Vielschreiber ziemlich präsenten Bug. Ja, Englisch ist eine Weltsprache. Aber: was haben englische Satzzeichen in allen anderen Sprachversionen verloren? Schreibt man ein Textdokument in der Google Cloud, hat man es unweigerlich mit englischen Anführungszeichen zu tun. Die Lösung für das Problem ist nicht besonders kompliziert: man kopiert sich andernorts die deutschen Satzzeichen und ändert alles mit Suchen und Ersetzen. Trotzdem: der Zwischenschritt muss immer gemacht werden, hält auf und nervt. Besonders Lektoren und alle, die viel in direkter Rede verfassen, verdienen Mitgefühl.

»Du kommst hier nicht rein!« Das Freigabe-Mysterium

Selbst wenn man meint, die Cloud verstanden zu haben, wirft sie immer wieder Mysterien auf. Zum Beispiel, wenn man Dokumente freigeben muss für Leute, mit denen man eigentlich schon alle Zugriffsrechte teilt. Außerdem immer wieder fies: Freigaben kann man, zumindest aus der G-Suite, per E-Mail nur an Leute schicken, die auch eine Google E-Mail-Adresse haben. Da kann man jetzt sagen: Ist doch kein Problem, schnell ein gmail Konto anzulegen. Man kann aber auch argumentieren, dass es dem Sharing- und Co-Working Gedanken zuwider läuft, wenn man mit der »falschen« E-Mail-Adresse nicht zum Club gehört.

»Ich hab angefangen – nein, ich!« Wir brauchen einen Cloud Knigge

Aber die Cloud stellt einen nicht nur vor technische Herausforderungen – sondern auch vor zwischenmenschliche. Es ist zwar toll, in Echtzeit zusammen an einem Dokument arbeiten zu können, aber es gibt bisher keine Regeln, wie man sich dabei in der Praxis verhält. Gerade, wenn zwei ungeduldige Menschen aufeinandertreffen, kann es schnell zickig zugehen: Da wird kurzerhand der Text gelöscht, den der andere gerade frisch geschrieben hat; während der eine seine Gedanken festhalten will, korrigiert der andere schon die Rechtschreibung; usw. Woran Loriot seine Freude gehabt hätte: während auf dem Textfeld quasi die Fetzen fliegen, entschuldigt man sich permanent auf der Tonspur – denn in der Regel arbeitet man ja nicht stumm gemeinsam an einem Dokument, sondern telefoniert dabei. Klar, hier kann man sich individuell absprechen. Aber eigentlich wäre es Zeit für einen Cloud-Knigge.

Vorfreude auf einen physischen Ort: Zusammenarbeiten im eigenen Office

Natürlich überwiegen trotz aller Meckerei die Vorteile der Cloud. Ich muss aber auch sagen: hat man monatelang fast nur Remote gearbeitet, kommt doch irgendwann das Gefühl auf, dass ein physischer Raum wieder schön wäre – ohne dazwischen geschaltete Technik mal wieder live sprechen und sich in an einem eigenen Ort treffen. Der Mensch ist eben doch ein terrestrisches Tier, das gern sein eigenes, anfassbares Gebiet feststeckt. Deshalb zieht auch diary of the digital age in ein neues Office: ab erstem Juni findet man uns zwischen Königsplatz und altem botanischen Garten, in der Sophienstraße 20. Dinosaurier-Gene ahoi.