Change of Perspective, Everyday philosophy, Life in the digital age, Real Places, Slow Thinking

Über die Wüste und die Schönheit des monumentalen Nichts

3 min read

Sanddünen vs. sexiest man alive

Als »Der Englische Patient« in den 90er Jahren in die Kinos kam, entdeckten die meisten Frauen Ralph Fiennes. Ich entdeckte: die Wüste. Die opulenten Bilder beeindruckten mich und die endlos weite Sandlandschaft mit ihren eleganten, klaren Dünenschwüngen schlug mich unmittelbar in ihren Bann.

Gewissermaßen weckte also Graf Ladislaus Almásy, der ungarische Flugpionier, Sahara-Forscher und das Vorbild für die Hauptrolle im Film, meine Faszination für die vegetationslosen Orte dieser Welt. Und sein Buch »Schwimmer in der Wüste«, in dem er seine Sahara-Expeditionen der 1920er und 30er Jahre beschreibt, war eines der ersten, die ich zum Thema las.

Daheim im Wüstenkloster

Das erste Mal am eigenen Leib erlebte ich die Wüste dann auf einer Reise quer durch Ägypten. Der schwere, heiße Sand, das Hitzeflimmern. Eine vollkommen reduzierte Welt, aus nichts bestehend als einem weißen und einen blauen Streifen, soweit das Auge reicht. Was mich neben der Landschaft selbst besonders faszinierte, waren die Wüstenklöster – oder vielmehr die Idee, in dieser unwirtlichen und unwirklichen Umgebung zu leben.

Das Paulus-Kloster in der arabischen Wüste zum Beispiel stammt aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. und wurde, wie der Name schon sagt, der Legende nach vom Eremiten (übrigens das altgriechische Wort für »Wüstenbewohner«) Paulus gegründet. Obwohl ich, wie ich an dieser Stelle erwähnen muss, eine ebenso gestresste wie eingefleischte Stadtbewohnerin bin, fühlte ich mich hier unmittelbar wohl. Und die Idee, an einem völlig abgeschiedenen Ort, der im besten Fall gerade mal das Nötigste zum Leben bietet, zu denken, zu schreiben und zu leben, kam mir seltsamerweise nicht abwegig, sondern ganz selbstverständlich vor.

Kleine Anekdote am Rande: Als ich gerade innerlich dabei war, den Alltag der heutigen Mönche wild zu romantisieren und mich zur Frage hinreißen ließ, ob die Manuskripte in der Bibliothek hier noch von Hand geschrieben werden, erntete ich ein herzliches Lachen: »Wir leben hier zwar abgeschieden, junge Frau, aber vom Buchdruck haben auch wir schon gehört.«

Sand und Stein soweit das Auge reicht: das Wadi Rum ist das größte Tal Jordaniens

Über Nacht in der Farbenwüste

Fast ein Jahrzehnt, viele Länder und Landschaften später: als ich diesen November durch Jordanien reiste und meine Taschen im Beduinen-Camp im Wadi Rum abstellte, ging es mir plötzlich wieder genauso wie es mir schon in der arabischen Wüste gegangen war– ich hatte das unmittelbare Gefühl, hier irgendwie richtig zu sein.

Das »Wadi Ram«, wie der Name auf arabisch ausgesprochen wird, ist das größte Tal in Jordanien. Es wird von Felsen aus buntem Sandstein durchzogen, die durch Erosion und Mineraleinlagerungen ihre dramatische Form und Farbe erhalten haben. Und diesem geologischen Phänomen haben wir auch das Schönste an dieser Landschaft zu verdanken: die schwarzen, weißen und glutroten Sanddünen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich diesmal auch die Nacht in der Wüste verbrachte und so die Gelegenheit hatte, noch mehr »aus der Welt zu fallen«. In jedem Fall wurde mir diesmal klar, was ich an der Wüste so faszinierend finde – und ich warne hier schon mal vor: wie die meisten grundsätzlichen Erkenntnisse ist auch meine schrecklich simpel – ganz einfach, weil die Wüste die reduzierteste Umgebung ist, die man auf der Welt bekommen kann.

Bunter Sand und dramatische Felsformationen

Detox und die eigenen Gedanken

Begibt man sich wirklich hinein in die Wüste, bekommt man mehr Detox als in jedem Achtsamkeits-Workshop, Kloster-Schreibseminar oder Wellness-Wochenende. Es gibt von Haus aus keine Ablenkung, keine Aufgaben, keinen Lärm, kein Programm, keine Menschen und keine Tiere. Nichts bewegt sich um einen herum, vielleicht wehen mal ein paar Sandkörner durch die Gegend. Man ist umgeben von einem wunderschönen monumentalen Nichts.

Und ist Nichts nicht genau das, was heute am schwersten zu bekommen ist? Den eigenen Gedanken sollte man es jedenfalls öfter gönnen. Es ist erstaunlich, welche Ideen dann entstehen.