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Worte eines Idealisten: Oscar Niemeyers »Wir müssen die Welt verändern«

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Früher waren wir alle Idealisten

Designer wollten schon immer die Welt verändern. An meiner Hochschule, der HfG Schwäbisch Gmünd, saßen wir in den 1990er Jahren nächtelang mit schwarzen Rollkragenpullis und rauchend in der Piano Bar und überlegten, wie wir das anstellen könnten. Damals meinten wir, eine Schippe reinen Idealismus und viel Willenskraft reicht auch. Später erwies sich die Erwachsenenwelt als komplizierter. Es ging ums Geschäft. Es ging um den Kunden. Es ging ums Budget. Um Einflussbereiche und Konzernstrukturen. Es ging um alles mögliche. 

Umso inspirierender, von einem Mann zu lesen, der Zeit seines Lebens Idealist geblieben ist, Menschenfreund und Anhänger der Schönheit: Oscar Niemeyer, der große Brasilianische Architekt, der mit Le Corbusier arbeitete, die Hauptstadt Brasilia entwarf und dessen architektonische Zeichnungen zum UNESCO Weltdokumentenerbe erklärt wurden. 

 

 

Der große »Carioca« Oscar Niemeyer

Und das ist das magische an Büchern: Da kriegt man so ein hübsches Objekt vom Kunstmann-Verlag in die Finger, Hardcover im Pocket-Format, und dann enthält es mit seinen nicht mal 100 Seiten die geballte Erfahrung, die Quintessenz eines ganzen, über 100 Jahre langen Lebens, das praktisch entlang des gesamten 20. Jahrhunderts verlief. Kurz vor seinem Tod 2012 schrieb er zusammen mit Alberto Riva ein Resümee seines Lebens und der Bedeutung der Profession, die er sein ganzes Leben lang ausübte: die Architektur. 

Architektur ist nur ein Vorwand

Für die, die mitten in der »Rushhour des Lebens« stecken, ist so ein ganzheitlicher Blick zurück selbstverständlich recht erhellend. Denn es erinnert daran, was am Ende wichtig ist. Für Niemeyer sind das zum Beispiel die Freundschaften und Beziehungen zu den Menschen um ihn herum. Auf die gesellschaftliche Ebene übertragen bedeutet das für ihn: Solidarität und Gerechtigkeit (Niemeyer war zeitlebens überzeugter Marxist und viele Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei): »Welchen Sinn hat der harte Wettbewerb der Welt? Die jungen Menschen müssen begreifen, dass sie alle Brüder sind (…), dass die zusammen- statt gegeneinander arbeiten müssen!« Und auch die Architektur bezeichnet er immer wieder nur als Vorwand; wichtig seien das Leben und der Mensch. Und er glaubt, dass sich jeder Beruf die Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Relevanz stellen muss. Die politische Funktion der Architektur besteht für ihn darin, dass »sie in einen der wichtigsten Bereiche des menschlichen Lebens eingreift, in die gesellschaftlichen Beziehungen. Sie setzt sich mit der Stadt, dem Zusammenleben, dem Alltag und unser aller Raum auseinander.«

Auch unserer Profession, liebe Designer, täte eine Auseinandersetzung mit der alten idealistischen und politischen Tradition unseres Berufs ganz gut. Denn diese, so kommt es mir vor, ist uns in den letzten Jahren, in der globalen Gentrifizierung der Lifestyle-Brands oder »Dark Patterns« im UX Design ziemlich aus den Augen geraten. Dabei wollten wir doch mal die Welt verändern.