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Haus der begehbaren Erinnerung: Bio-Hotel Grafenast

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Die Erkenntnis, dass dieser Ort etwas besonderes ist, trifft dich schlagartig, schon im ersten Moment. Zuvor hast du dich zwanzig Minuten lang in engen Serpentinen achthundert Meter den Pillberg hochgeschraubt, höher und höher über das Inntal, den Blick auf die dramatischen Flanken des gegenüberliegenden Karwendelgebirges. Das Bio-Hotel Grafenast liegt auf 1330 Meter Höhe, genau da wo du meinst, es geht nicht mehr weiter, ganz friedlich eingebettet in einen Nadelwald, mit einem modernen Vorbau aus hellem Kiefernholz. An diesem prangt auch der eckige Schriftzug, in weißen Großbuchstaben: GRAFENAST.

Grafenast

Weitsicht für das Bildschirm-Auge

Hinter dem Haus, von der großen Holzterrasse aus, schwelgt dein Blick nach Südwesten, auf das weite Inntal. Der Ausblick ist auf jeden Fall eines der Dinge, die diesen Ort magisch machen; die Perspektive ist für das bildschirmgewöhnte Auge schlichtweg erhebend. Und ebenso alles, was die Weitsicht so mit sich bringt: das Schauspiel des Wetters, wenn du morgens auf die Nebelsuppe im Inntal schaust, wenn eine Schlechtwetterfront von Süden heranrollt oder die Strahlen der untergehenden Sonne wie Scheinwerfer über die Gipfel des Karwendelgebirges leuchten; wenn nachts die Lichter des dichtbesiedelten Tals zu dir herauf- und Millionen Sterne auf dich herunterglitzern. Es kann dir passieren, dass du vom Bett deines Panoramazimmers aus eine Sternschnuppe sieht.

Grafenast

Blick auf Schwaz und Vomp und das helle Band des Inns

Sedimentschichten der Erinnerung

Diesen Ort zu erkennen und eine Hütte genau dorthin zu bauen, diese Weitsicht hatte denn auch der ‘Rodel-Toni’, der Anton Unterlechner, der Ur-Großvater des jetzigen Hotelchefs Peter Unterlechner, schon vor über 100 Jahren, genauer gesagt 1907. Er kaufte dem ortsansässigen Grafen eine Aste ab (daher der Name „Grafenast“) und baute ein Rodelhütte mit Aussicht. Bilder vom Rodel-Toni und seinem gewaltigen Vollbart hängen im ganzen Haus: Rodel-Toni vor der Rodel-Hütte, Rodel-Toni in der Gaststube mit Gitarre, Rodel-Toni bestaunt die Eiszapfen an der Rodel-Hütte. So viele Bilder! Wenn es damals schon Instagram gegeben hätte, hätte Rodel-Toni sicher viel gepostet und viele Follower gehabt, eine Art Alpen-Influencer. Noch erstaunlicher ist aber, dass all diese Bilder erhalten sind, dass nichts weggekommen ist. Und heute alles sorgfältig beschriftet im Grafenast an den Wänden hängt. »Da oben am Berg, da kommt halt nichts so leicht weg«, erklärt es Hansjörg Unterlechner, der Senior, der das Hotel ab den 80er Jahren zusammen mit seiner Frau Marianne leitete und es als Pionier in Österreich zum Bio-Hotel machte. »Da oben überlegt man sich dreimal, ob man etwas wegschmeißt.« Dazu käme wohl, dass sein Vater Archäologie studiert hat, erklärt der Peter Unterlechner, und der Archäologe schmeißt halt auch nichts weg. Und so kann man sich heute in dem geschichtsträchtigen Haus in Sedimentschichten von Erinnerungen vertiefen. Im ersten Stock gibt es eine Ausstellung über die Geschichte von Grafenast, mit vielen Fotos und historischen Dokumenten. Im zweiten Stock gibt es ein Ski-Museum.

Grafenast

Alte Rodel-Hütte und neue Architektur

Eine weitere, sehr plastische bauliche begehbare Erinnerung im Grafenast ist die »Hütte in der Hütte«. Auf Grund des Erfolges und des aufkommenden Tourismus expandierte Grafenast in den 1930er Jahren. Aber statt die alte Rodelhütte abzureißen, bauten die Unterlechners ein größeres Haus einfach um die alte Hütte herum. Noch heute sitzt man beim Frühstück in der dunklen, alten Rodel-Stube.

Grafenast

Die neue Hütte legt sich um die alte Hütte. Wieder haben sich die Unterlechners mit einer neuen Sedimentschicht umhüllt

Grafenast

Das alte Aushängeschild »Grafenast« der Rodelhütte hängt heute noch im lauschigen Kaminzimmer (dem einzigen Raum mit Internet)

Architektonisch haben sie ein Händchen, die Unterlechners, auch heute. Der älteren Bruder vom Peter ist Architekt, er hat das alte Haus und die Zimmer allesamt in den letzten Jahren modern umgebaut, ohne den Charme und die sichtbare Geschichte und Patina der alten Holzhütte zu verlieren. Das klingt zu brav und wird den visionären und ‘gspinnerten’ architektonischen Momente in Grafenast nicht ganz gerecht: das Sauna-Haus in den Bäumen, das man über einen langen Brücke erreicht, oder das Kugelbüro vom Architekten Toni Unterlechner.
Apropos gspinnerte Momente: Eine weitere Besonderheit in Grafenast ist neben der begehbaren Familiengeschichte – die Kunst. Überall steht sie herum, direkt neben dem Eingang zwirbeln sich zwei Metallskulpturen des Künstlers Alois Schild – einem Biennaleteilnehmer in Venedig – mehr als mannshoch in die Luft, zwischen ihnen Glocken aufgespannt. Die Glocken, das sind die Grafenaster 100 Jahres-Jubiläums-Glocken, gegossen 2007 von der berühmten Glockengießerei Grassmayer in Innsbruck. Sie klingen in den Tönen G, A, F, E, AS – alle Noten, die auch im Wort ‘Grafenast’ enthalten sind. Holzskulpturen des Erfurter Künstlers Gernot Ehrsam stehen in der Lobby und säumen neben anderen Werken den »Weg der Sinne«, einen schönen Wanderrundweg, der am Haus startet. Wer dem künstlerischen Geist der Unterlechners auf den Grund gehen will, besucht die Galerie von Hansjörg Unterlechner in Schwaz.

Grafenast

Irgendwie haben sie immer einen Weg gefunden, beides zu verbinden, die Unterlechners: die Kunst und den Berg. Das Gspinnerte, Weitsichtige und die Arbeit im Hotel. Und das ist das, was diesen Ort so besonders macht.

Biohotel Grafenast
Waltraud & Peter Unterlechner
Pillbergstraße 205, 6136 Pill / Schwaz / Tirol
www.grafenast.at, Tel. +43 5242 63209

Galerie Unterlechner
Fred-Hochschwarzer-Weg 2, 6130 Schwaz
www.galerieunterlechner.at, Tel +43 5242 65354

Grafenast

 

2 Kommentare

  1. Meine allerherzlichste Gratulation für den schwungvollen, treffenden Bericht über Grafenast. Es ist nämlich kaum machbar, die fast übertrieben vielen Grafenaster Facetten in dieser Kürze zu erfassen- und das wirklich so anschaulich und treffsicher. Das Lesen war die pure Freude.
    Zwei kleine Korrekturen hätte ich beizusteuern. Der Erfurter Künstler, den ich nächtens in der Erfurter Innenstadt motorsägend kennenlernte, heißt Gernot Ehrsam. Und die „Kuhglocken“ zwischen den Metallskulpturen des Alois Schild, einem Biennaleteilnehmer in Venedig, sind die Grafenaster 100 Jahres-Jubiläums-Glocken, gegossen 2007 von der berühmten Glockengießerei Grassmayer in Innsbruck. Sie tönen in G, A, F, E, AS, in den Tönen, die auch im Wort Grafenast enthalten sind. Es gibt Versprechen von Komponisten, mit diesen Glockentönen eine Komposition zu schreiben.
    Nochmals vielen herzlichen Dank für den Bericht, der Grafenast bestens charakterisiert. Aus Freude an der Kunst sende ich liebe Grüße
    Hansjörg Unterlechner von der Galerie Unterlechner, Schwaz in Tirol

    • Julia Peglow sagt

      Sehr geehrter Herr Unterlechner, vielen lieben Dank für Ihren Kommentar! Es ist für einen Außenstehenden ja immer leichter, das Erbe von 100 Jahren Familientradition, all die Geschichten und Erinnerungen, die in so einem Haus stecken, zu einer »knackigen« Geschichte zu verpacken, als für die direkt Beteiligten. Wenn Sie sich gut getroffen fühlen, empfinde ich das als Kompliment. Ihre Anmerkungen habe ich in den Text eingefügt.

      Viele Grüße und bis bald im Grafenast oder Ihrer Galerie.
      PS: Ich habe die Norne und das schwarze Bild mit den Füßen nicht vergessen! Ich komme wieder!

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