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Für Story-Fans und Mythen-Jäger: Athen nur auf der Durchreise zu erleben, wäre viel zu schade

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»Warum?« war die am häufigsten gestellte Frage, als ich erzählte, dass ich mit Freunden nach Athen fahre. Kommentare von »da ist doch nichts« bis »ich fand die Stadt unfassbar hässlich« spiegelten exakt das Image wider, das Athen hartnäckig anhaftet: die Stadt gilt als Absprungschanze oder Zwischenstation für Inselhopper und kleinstadtgroße Kreuzfahrtschiffe – nicht als Ort, der es per se wert wäre, besucht zu werden.

Unter anderem durch miserable Stadtplanung geschunden, hatten sowohl Besucher als auch Einheimische die Stadt für lange Zeit abgeschrieben – was besonders absurd ist, hält man sich vor Augen, dass mit fünf Millionen Einwohnern im wahrsten Sinne des Wortes halb Griechenland in Athen lebt. Wer aber heute hierher kommt, erlebt, wie die Stadt sich neu erfindet –  ohne dabei den Verbindung zu ihrer Vergangenheit zu verlieren.

Weit und breit kein Hochhaus in Sicht: Blick aus der Plaka auf den Stadtberg Lykabettus

Die Antike lässt grüßen: Storytelling Skills statt Skyline

Wenn man im Vorfeld so stark durch Begriffe wie »hässlich« und »Moloch« gebrainwashed ist, ist man vor Ort unmittelbar positiv überrascht. Vom Lykabettus aus hat man einen 360 Grad Blick auf die Stadt, die im Westen vom Meer begrenzt wird und sich nach Osten in die Hügel ergießt, soweit das Auge reicht. Das besondere an diesem Panorama: das Fehlen von Wolkenkratzern. Dank der Bestimmung, dass die Akropolis der höchste Punkt der Stadt bleiben muss, fühlt sich Athen vergleichsweise wenig nach Megacity an. Was man dafür umso mehr spürt, ist die Anwesenheit von Geschichte. Gemeint sind dabei aber nicht nur die Tempelbauten auf der Akropolis oder die Agora zu ihren Füßen – gemeint sind tatsächlich die Stories aus der griechischen Mythologie.

Nach 2000 Jahren immer noch frisch: Mythen von BC bis Hollywood

Während die meisten Städte ihre Geschichte vor allem über Fakten wiedergeben, sind die Geschichten, die man über Athen zu hören bekommt, stark durch Göttersagen und Stadtlegenden aus der Antike geprägt. Kein, Wunder – die alten Griechen wussten einfach, wie man eine gute Geschichte schreibt; und zwar so gut, dass wir sie auch 2000 Jahre später noch gerne wieder und weitererzählen: Homers »Ilias und Odyssee« zum Beispiel sind bis heute eine unerschöpfliche Quelle für unzählige Bücher, Serien und Filme – von James Joyce »Ulysses« (zu Recht unvergessen als Meilenstein des modernen Romans) bis zu Hollywood-Pop-Produktionen wie »Troja« (leider unvergessen durch die fiesen Kulissen und Brad Pitt in Ninja Turtle-artiger Rüstung).

Mythos im Sonnenlicht: um das Erechtheion auf der Akropolis ranken sich überraschend schlüpfrige Geschichten

Wer hätte das erwartet? Stadtgeschichte(n), an die man sich erinnert

Aber zurück zu Athen: Schlendert man durch die Plaka, den ältesten Teil der Stadt, gibt es quasi zu jedem Stein eine schmissige Story aus der Mythologie. Zum Beispiel diese: »Eines Tages machte sich Hephaistos (Gott des Feuers) an Athene (Göttin der Weisheit, Schutzpatronin der Stadt und knallharte Jungfrau) heran. Sie wehrte ihn ab, wurde aber von, nun ja, nennen wir es, Saft seiner Leidenschaft, am Schenkel getroffen. Ein Tropfen davon viel auf den Boden – und brachte ein Kind hervor: Erichthonios. Das war der erste König von Athen.«  Der Link zur Gegenwart ist in dieser Geschichte übrigens das Erechtheion auf der Akropolis, in dem der sagenhafte König, heißt es, begraben wurde – und der heute rund um die Uhr von Touristen mit ihren Smartphones umzingelt wird.

Kuba meets Kerameikos: Schätze im Verfall entdecken

Natürlich ist Athen aber keinesfalls nur durch die Antike geprägt. Wie in jeder Metropole unserer Zeit spielt sich das echte Leben überwiegend jenseits der Altstadt ab.  Zum Beispiel in Vierteln wie Kerameikos, wo sich die Stadt von einer anderen Seite zeigt. Ähnlich wie in Havanna, findet man hier überall verrammelte Fenster, Wände voller Graffiti und Fassaden, hinter denen sich die Reste eingestürzter Häuser verstecken. Aber gerade hier, etwas abseits der typischen Touristenpfade oder wohlhabenden »sehen-und-gesehen-werden« Gegenden wie Kolonaki, wird es besonders für Entdecker interessant: denn inmitten der neuzeitlichen Hausruinen haben sich junge Künstler, hippe Bars und fantastische Restaurants niedergelassen, die einem inmitten des Verfalls wie Schätze entgegen funkeln – und neues Leben im Viertel aufkeimen lassen. Dass auch der Monocle Guide für Athen große Stücke auf die Entrepreneurs in Kerameikos hält, ist vermutlich die Spitze des Eisbergs: sicher werden sich hier bald Besucher von überall her die Klinke in die Hand geben.

Street Art ist in ganz Athen ein großes Thema – wunderbare Graffiti wie diese entdeckt man auf Schritt und Tritt

Stadtplanung 2.0 – der Aufschwung im großen Stil

Natürlich rührt der frische Wind in Athen aber nicht allein von den kleinen Entrepreneurs her. Stadt und Politik haben inzwischen durchaus erkannt, dass man die Dinge auf übergeordneter Ebene anpacken muss. Zu den entsprechenden Maßnahmen gehört zum Beispiel nicht nur der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, sondern auch der Bau von neuen Publikumsmagneten wie dem Akropolis Museum. Entworfen vom Schweizer Architekten Bernhard Tschumi und x-fach preisgekrönt, macht das Museum allein aufgrund seiner spannenden Architektur von sich reden: zu den Highlights des spektakulären Baus gehört der Glasfußboden, durch den man die antike Stadt sehen kann. Apropos antike Stadt: unterhalb der Akropolis ist übrigens eine der bisher sichtbarsten Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität in Athen realisiert worden. Wo früher der Verkehr tobte und tausende Autos die Luft verpesteten, können Einheimische und Besucher heute gemächlich auf der Dionysiou-Areopagitou Fußgängerstraße umherschlendern.

Fazit: Es lohnt sich, der Stadt der Geschichten mit eigenen Augen eine faire Chance zu geben. Denn Athen begeistert mit alten Stories und neuen Ruinen – und ist viel zu schade, um als reine Durchgangsstation behandelt zu werden.