Contemporary History, Digital Age, Real Places

Das Kranzbach: Story und Geschäftsmodell im digitalen Zeitalter

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Das kleine, englische Schloss steht mitten in der oberbayrischen Landschaft, auf einem Hochplateau, ringsum von dunklen Wäldern umgeben. Schon die Anfahrt über die Auffahrt ist ein Erlebnis, denn das alte Gemäuer mit den treppenförmigen Giebeln verströmt Aura, schon von Weitem. Die Wärterhäuschen, die die Auffahrt säumen, sowie die Wasserfontäne, die sich mehrere Meter hoch über dem Bassin erhebt, tragen dazu bei. Aber vor allem: die Einsamkeit. Die Lage in der »goldenen Runde« von Wetterstein, Karwendel und Zugspitze. 

Love at first sight und eine unerfüllte Liebe

Lady Mary Isabel Portman, eine Londoner Adelige, muss es ebenso ergangen sein, als die das Stück Land erstmals während einer Kutschfahrt entdeckt hatte. Die Legende erzählt, sie hätte sich spontan in diesen Flecken Erde verliebt und es wenig später erworben, um ein Haus nach dem Vorbild der englischen Landhäuser für ihre Künstlerfreunde zu bauen. Sie selbst hatte Musik in Leipzig studiert, war eine talentierte Geigerin und mit vielen berühmten Musikern befreundet. So geschah es denn auch, mit Hilfe von eigens aus London engagierten Architekten Detmar Blow und Fernand Billerey. Das war im Schicksalsjahr 1913, und so kam  ausgerechnet der 1. Weltkrieg dazwischen und Lady Portman bezog ihr Country House niemals. Sie wohnte nie darin, ebenso wenig wie ihre Künstlerfreunde, ja, sie bekam es vermutlich nicht mal zu Gesicht. Keine Konzerte im eigens erbauten Musiksaal, kein Gesang und kein Tanz, keine Festmähler. Nie wurden die Mauer wirklich mit dem Leben erfüllt, für das sie gebaut wurden. Stattdessen stand es viele Jahre lang leer, bis es viele Jahre als Erholungsheim für die evangelische Kirche diente. Das eigenartige daran ist, dass man das spürt, wenn man heute dort zu Gast ist – im Kranzbach; ein bisschen ‚was wäre gewesen wenn’, ein wenig innere Leere, fehlende Patina, keine Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, kein altes Mobiliar und vor allem: keine Geschichten, die das alte Natursteingemäuer erfüllen.

Die Illusion des einsamen Herrenhauses

Das Kranzbach macht das würdevoll wett mit Stil: mit seinen fantastisch gediegenen Räumlichkeiten, der wunderschönen Bar, einer tollen, nicht aufgesetzten Atmosphäre, einem Dart-Herrenzimmer. Das Kranzbach schafft es trotz des seinerzeit geplatzen Traums des Künstlerhauses, seine Geschichte gut zu inszenieren. Denn im Auge des Betrachters bleibt es genau das: die Illusion eines einsamen Herrenhauses, das sich exklusiv und würdevoll in die Berglandschaft einfügt, während die erweiterten, weitreichenden Bauten, die aus dem Kranzbach eines der exklusivsten und größten Wellness-Hotels Oberbayerns machen, unsichtbar in der Geländestufe am Ende des Hochplateaus versteckt sind.

Story – und das Business Model dahinter

Wenn man so will ist dies eine unglaublich gut gemachte Inszenierung von sichtbarer Story und unsichtbarem Business Model; auffällig ist dabei die absichtliche Diskrepanz zwischen beidem, sprich, dass die Story vorgibt etwas anderes zu sein wie das eigentliche Geschäftsmodell dahinter. Jetzt kann man sicher getrost einwenden, dass dies schon immer die Aufgabe von Marke und PR gewesen ist: der schöne Zuckerguss zu sein auf einer Unternehmung, deren Absichten unter Umständen ganz anders gelagert ist. Aber irgendwie hat diese Diskrepanz in Zeiten der Digitalisierung, in der anfassbare Produkte zu digitalen Apps und unsichtbaren Services werden, noch weiter zugenommen. Im industriellen Zeitalter hat ein Produkthersteller eben ein Produkt gebaut und verkauft – das war sein sichtbar gewordenes Geschäftsmodell. Ein Automobilhersteller hat ein Auto hergestellt. Ein Waschmaschinenhersteller eine Waschmaschine.

Heute aber ist es anders: Facebook beispielsweise gibt vor, eine freundliche, vernetzte Community zu sein, mit der man mit seinen Freunden in Kontakt bleiben und Inhalte teilen kann. In Wirklichkeit lebt das Unternehmen ausschließlich von den Einnahmen aus personalisierter und ins Netzwerk eingespeister Werbung, was dem Unternehmen allein 2018 über 20 Mrd. Dollar Gewinn eingebracht hat. Selbst der Automobilhersteller Tesla hat hinter dem sichtbaren Produkt ein unsichtbares, zweites Geschäftsmodell laufen: Chris Lattner, ehemaligen Tesla-Führungskraft, beschreibt Teslas Vorgehensweise im Bereich des autonomen Fahrens, Tesla würde mit Hilfe der Zehntausenden von Fahrzeugen, die sie bereits auf der Straße hätten, Infrastrukturen aufbauen, die es erlaubten, Bild- und Videodaten im großen Stil zu sammeln und als Big Data zu verarbeiten. 

Und das scheint auch der Grund zu sein für unseren Gedanken von weiter oben, die neue Diskrepanz zwischen Story und Geschäftsmodelle: dass es eine neue Währung gibt, die das Gold unserer Zeit ist. Nicht mehr das Geld; es sind die persönlichen Daten, die beim Umgang mit technischem Gerät, beim Auto fahren, bei der Benutzung von Apps, bei Kaufvorgängen, in Social Networks abfallen. Neue Geschäftsmodelle zielen darauf ab, so viele wie möglich an Daten zu ernten, indem sie die User Experience verbessern, eine Beziehung zum User aufbauen, die Verweildauer erhöhen (lies hier einen ausführlicheren Beitrag dazu, “Us” not “Me” – From user-centered to community-centered design).

Apropos Verweildauer: da ist mir dann doch ein ausgiebiger Saunagang in einer der acht (!) Saunen im Kranzbach lieber. Das ist doch irgendwie ehrlicher. 

Hotel & Wellness-Refugium »DAS KRANZBACH«
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