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Was haben eine Pandemie und das Digitalzeitalter gemeinsam? Eine Antwort in Bobette Busters Buch »Do Story«

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Buchcover von Bobette Buster: "How to tell your Story so the world listens

Was man im Lockdown einer Pandemie so braucht: eine gute Handcreme, ein Travel Diary zur Erinnerung an die Zeiten, in denen wir weltweit reisen konnten – und ein gutes Buch: Bobette Busters »Do Story«.

Im Moment erleben wir eine Phase der Konzentration – jeder macht seinen Job. Meine vollste Hochachtung und mentale Unterstützung den Ärzten, Klinikpersonal und Kassiererinnen, die die Versorgungsstrukturen aufrecht erhalten; den berufstätigen Eltern vor allem kleiner Kinder, alle seit Wochen im Homeoffice; den Unternehmern, die ihre Schiffe wetterfest machen, um sie durch stürmisches Wetter zu steuern. Wie Irmgard Hesse, liebe Freundin und Chefin von Zeichen & Wunder, es in ihrem W&V-Artikel geschrieben hat: „Selbst den größten Berufsoptimisten – zu denen ich mich selbst im Übrigen bedingungslos zähle – fällt es zurzeit schwer, über das aktuelle Krisen-Management und die Schadensbegrenzung hinaus zu planen. Bei vielen geht es schlicht und ergreifend ums nackte Überleben“. 

Eine Pandemie ist ein Netzwerk 

Meine Perspektive in diesem Blog ist nicht medizinisch, nicht betriebswirtschaftlich, virologisch oder politisch. Sondern die eines Writers, einer Geschichtenerzählerin und der Chronistin des Digitalzeitalters. Ich versuche, eine größere Perspektive auf die Dinge zu bekommen, sie sozusagen „historisch“ zu betrachten. Ich versuche oft, mir vorzustellen, wie Menschen aus der Zukunft auf unsere Zeit zurückblicken werden. Diese Perspektive beschäftigt mich schon eine ganze Weile; habe ich doch mindestens schon seit zwanzig Jahren das Gefühl, in einer permanenten Zeitenwende zu leben. Mein Kontext und mein »Meta-Narrativ« ist genau das, die Zeitenwende des Digitalzeitalters (deswegen heißt ja dieser Blog auch diary of the digital age).

Und irgendwie hat die erste Pandemie der Neuzeit, COVID-19, ja sehr viel mit dem Digitalzeitalter zu tun: Zum einen konnte sich das Virus nur deswegen so unglaublich schnell verbreiten, weil wir in dieser globalisierten, supervernetzten Welt leben; zum anderen wurden wir nun paradoxerweise, durch das Kontaktverbot und die starke Einschränkung des physikalischen Lebens von Null auf Hundert ins Digitalzeitalter katapultiert; zumindest die, die immer noch viel an analogen Verhaltensweisen festgehalten hatten. Obendrein hat eine Pandemie ein ganz ähnliches Muster wie ein Netzwerk: mit Knotenpunkten, Verbindungslinien und Verbreitungsgeschwindigkeiten (weswegen sich Software-Pionier Bill Gates schon seit vielen Jahren mit dem Szenario einer Pandemie beschäftigt – siehe hier sein TED Talk »Der nächste Ausbruch trifft uns unvorbereitet«, 2015); deshalb scheint die Krise bestimmte Parameter des Digitalzeitalters zu verstärken und beschleunigen: Privacy versus Publicity; echte Begegnungen versus virtueller Raum. Aber dieses Rätsel, inwieweit die Pandemie und das Digitalzeitalter wirklich zusammenhängen ist heute noch nicht zu lösen und wird sicher erst in der Rückschau zu beantworten sein. 

Ich habe noch keine Antworten, ich befinde mich noch im Zustand des Staunens und der Ahnungslosigkeit. Gabriele Fischer, Chefredakteurin der Brand Eins, sagte in einem Telefonat, das wir vor ein paar Tagen anlässlich einer Buchrecherche führten: Der Pessimist ist sicher, wie es ausgeht – schlecht. Der Optimist kann sich auch noch andere Optionen vorstellen. *Die Brand Eins verschickt übrigens während Corona versandkostenfrei.

Wie im Film

Seit der Corona-Krise erlebe ich, was alle meine Zeitgenossen erleben: Wir werden Zeuge, dass ein „größerer Erzählstrang“ mit großer Wucht unser aller Narrativ überschreibt und alles hinwegfegt, was wir gerade planten, wollten, für wichtig hielten. Eine der vielen Facetten an gefühlsmäßigen Reaktionen, die man dabei empfindet, ist sogar eine gewisse Ärgerlichkeit oder Empörung: Da kommt jetzt dieses Virus daher und macht alles zunichte. Ähnlich ärgerlich wurde ich, weiß ich noch genau, als ich in den 1990ern den Robert Altmann-Film „Short Cuts“ gesehen habe. Das war einer dieser Episoden-Filme, wo es mehrere unabhängige Handlungsstränge gibt, die aber alle irgendwelche Berührungspunkte haben. Der Film spielte in Kalifornien, und auf einmal, gegen Ende, passiert ein Erdbeben, das alle Handlungsstränge einfach hinwegfegt und alle Storylines einfach beendet (weil alle sterben). Ich weiß noch, dass ich damals dachte, toll, da hat sich’s aber jemand einfach gemacht. Gabriele Fischer sagte in dem gleichen Telefonat etwas ähnliches: dass, wenn sie die Geschehnisse, die wir gerade erleben, in einem Drehbuch gelesen hätte, hätte sie es abgelehnt. Wie ironisch ist das eigentlich? Gestern noch diskutierten wir über den Klimawandel und sagten, dass es doch nicht möglich ist, alles abzuschalten, und zwei Wochen später zögen wir der ganzen Welt den Stecker. So ein ähnliches Wie im schlechten Film-Gefühl glaube ich eint uns gerade alle.

Kollektiver Zustand der Verwirrung

Viele Menschen haben mir in den ersten Tagen und Wochen der Krise bestätigt, dass sie sehr verwirrt waren und Mühe hatten, sich zu konzentrieren. So ging es mir auch. Aber der kollektive Zustand der Verwirrung hat für mich auch etwas positives. Unsere hochspezialisierte Gesellschaft hat ja normalerweise auf alles eine Antwort. So wie diese Leute, denen du etwas erzählst, was dich beschäftigt und die wissen immer alles schon und sagen, Jaja, kenn ich, kenn ich. Und natürlich haben sie auch diesmal nur ein paar Tage der Schockstarre gebraucht, da feuerten sie aus allen Rohren: die Experten und die Meinungsmacher deklinieren das Problem durch alle Ressorts, die Wirtschaftsorakel prognostizieren eine wirtschaftliche Krise nie gekannten Ausmaßes, die Zukunftsdeuter entwickeln Szenarien, wie die Krise unsere Gesellschaft verändern wird, die Lösungsanbieter verpacken die Krise geschäftstüchtig in Packages, die man in der Krise zum Sondertarif einkaufen kann: Lösungen für Homeoffice, Digitalisierung, Online-Schulungen. Aber eigentlich hat keiner, aber auch keiner auch nur die leisteste Ahnung, was es bedeutet, was wir gerade erleben, was noch auf uns zukommt und welche Folgen es haben wird. Da können wir in unserem hartgesottenen Repertoire an Realismus, Abgeklärtheit oder Zynismus wühlen wie wir wollen: auf diese Krise finden wir nicht so schnell Antworten. 

Die Erklärung für das Verwirrungsgefühl dafür ist, dass wir uns eben die Welt um uns herum ständig erklären und konstruieren (Wahnsinnsbuch, das ich gerade dazu gelesen habe: »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit« von Peter L. Berger und Thomas Luckmann, der Klassiker der neuen Soziologie, 1966). Alles, was wir wissen, denken und tun, ist immer in diesen Kontext der Wirklichkeit eingebettet. Diese Wirklichkeit ist ins Wanken geraten, daher kommt das Verwirrungsgefühl. Alles, was wir davor noch taten, machte auf einmal keinen Sinn mehr. Die Krise kam zum einen so schnell, und zum anderen, und das ist das wirklich neuartige daran, weltweit überall mehr oder weniger gleichzeitig. Sie stellt also eine Art neues Meta-Narrativ dar, das alle anderen Handlungsstränge überschreibt. Und es wird eben eine Weile dauern, bis wir alle unsere Geschichten umgeschrieben haben.

Home Office-Stilleben: Ein Rooibos Ingwer-Zitrone-Tee und Lektüre, die das eigene Weltbild ins Wanken bringt: »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«

Home Office-Stilleben: Ein Rooibos Ingwer-Zitrone-Tee und Lektüre, die das eigene Weltbild ins Wanken bringt: »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«

Ein neues Meta-Narrativ

Ganz zufällig las ich just in den Tagen, in denen sich die Corona-Lage wirklich verfinsterte, ein Buch. Es war von Bobette Buster, »Do Story – How to tell your story so the world listens«. Genau in diesem Buch fand ich genau zur Krise die richtige Geschichte und den richtigen Satz, der mein Mantra für diese einzigartige Zeit ist. Die Geschichte geht so:

Bobette, die überall auf der Welt Story-Workshops gibt, erzählte, dass eines Tages in einem ihrer Seminare ein Mädchen auf sie zukam, eine Sri Lankesin, die ein Jahr zuvor schonmal in einem Seminar bei ihr gewesen war. Nach dem Seminar wäre sie nach Sri Lanka geflogen, um Weihnachten zu Hause zu verbringen. Am 26. Dezember 2004 wäre sie mit zwei Freunden auf Rollern an den Strand gefahren um spazieren zu gehen, als sie auf einmal ein alles übertönendes Geräusch gehört hätten. Von beiden Seiten wäre der große Tsunami auf die Landzunge gerollt und hätte alles um sie herum verschlungen und sie wäre mit ihren Freunden ebenfalls von der Welle fortgerissen worden. Sie hätten sich in Todesangst aneinander geklammert; in dem Moment wäre ihr eine Lebensweisheit eingefallen, die Bobette in ihrem Story-Seminar gesagt hatte: 

„that we must all learn to recognise the power of the meta-narrative being played out in our lives, and that at some key moment we will be called upon to ‚let go‘ and allow ourselves to be transfomed.“

In dem Moment, als sie losließ, wurde sie von der Welle hochgehoben und ins Landesinnere getragen, zusammen mit ihren zwei Freunden. 

Und Bobette schließt sehr weise: 

„My intention is always to encourage people to see their own part in the grand narrative that is currently played out in their lives. Because we are all in the midst of a great story. There is a continual narrative at work, inexorably being shaped and honed by our live choices. Storytelling provides the lens through which we can see those choices more clearly. It gives us perspectives. With this clearity, we can then seize our destiny.“

Ich weiß noch keine Antworten. Ich finde die Situation so groß und unübersichtlich, dass ich einfach noch ein paar Wochen, Monate, Jahre oder Jahrzehnte brauchen werde, in denen ich einfach nur schaue und staune, bis ich irgendwann wissen werde, wie diese verrückten Zeiten in die Geschichte eingehen werden.