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Wie geht Hotel im Digitalzeitalter? 5 Fragen an Korbinian Kohler, Bachmair Weissach & Bussi Baby

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Das Tegernseer Tal ist naturgemäß wunderschön, es hat seine Landschaft, den See, die Berge. Das war schon immer so, und man hat sich auch vielleicht nie wirklich ein Bein ausreißen müssen, damit die Gäste kommen. Entsprechend selten weht ein frischer Wind in den gastronomischen Betrieben der Region. Die alteingesessenen Pensionen und Hotels, Fossilien aus dem Kurwesen des 19. Jahrhunderts oder Start-Ups aus den Frühtagen des Wirtschaftswunder-Tourismus, wurden augenscheinlich in den 1980er Jahren zuletzt modernisiert, in den etablierten Hotels wird noch Cappucchino mit Sahnehäubchen serviert und abends Kroketten als Beilage.

Holzfigur eines Heiligen, die alles in allem doch eher einen traditionellen Eindruck macht

Der Reisende des Digitalzeitalters ist jedoch auf der Suche nach etwas anderem. Er sucht das einfache, gute, vor allem aber das echte. Er sucht nach den Wurzeln, er möchte die Dinge auf ihren ursprünglichen Kerngedanken reduziert, und dann mit einem modernen Gedanken interpretiert sehen. Beim Essen. In der Architektur. Beim Service. Bei der Einrichtung. In der ganzen Art und Weise, wie sich die Menschen begegnen und miteinander sprechen. Wie er als Gast angesprochen wird. Ihm bietet die Region Tegernsee offen gesagt nicht das, was er sucht – und wendet sich lieber der »Lifestyle meets the Alps«-Hotellandschaft in den Österreichischen Alpen zu.

Wenn man aber dann unversehens doch auf einen solchen Ort stößt – ausgerechnet am Tegernsee – dann kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass dahinter ein Getriebener steckt. Denn es gehört Chuzpe dazu, den Kampf gegen alteingesessene Gepflogenheiten, den Branchen-Usus und Windmühlen mit der Aufschrift »Das haben wir schon immer so gemacht« aufzunehmen. Und der Mensch, der sich am Tegernsee aufgemacht hat, »Hotel« neu zu erfinden und damit der Welt die Region in einem anderen Blickwinkel zu zeigen, ist Korbinian Kohler. Vor gut zehn Jahren übernahm er das in die Jahre gekommene Hotel Bachmair Weissach »mit Mann und Maus«, wie uns der altgediente Concierge Dieter Held erzählt, während wir mit dem Aufzug in die zweite Etage hochfahren.

Ich wollte sehr gerne mehr über den Menschen hinter dem Hotel erfahren – und nachdem ich ihm neulich abends in einem Seitengang seines eigenen Hotels über den Weg lief, hatte er keine Chance mehr, mir zu entkommen. Hier folgt ein Mini-Interview mit Korbinian Kohler: Wenn Du wissen willst, wie man ein Haus stilistisch desinfiziert, welche Gäste diejenigen sind, die wiederkommen und welche mit Abstand die besten Networker sind, lies weiter.

Am Eingang steht eine große, schwarze Stahlwand, in die ein offener Kamin eingelassen ist Herr Kohlers Lieblingsfarbe ist offensichtlich rot

Quereinsteiger

1. Lieber Herr Kohler, in der aktuellen Ausgabe des Design Hotel-Magazins »Directions« wurde ein gemeinsamer Charakterzug der mutigsten und visionärsten Hoteliers hervorgehoben: Dass sie oft gar nicht klassisch aus dem Hotelfach kommen (wie bei Herrn Kohler der Fall). Können Sie mir sagen, woran das liegt?

KK: Es hat manchmal schon Vorteile, wenn man als branchenfremder Quereinsteiger unvoreingenommen an den Start geht. Oft ist dann die Sicht nicht von Branchengepflogenheiten getrübt und man sieht die Dinge noch mehr aus Sicht der Gäste. Wenn man ehrlich ist, muss man aber auch sagen, dass sich häufig Leute, die zu Geld gekommen sind, ein Hotel aus Gründen der Selbstverwirklichung kaufen und dabei unterschätzen, welch ein enormer persönlicher Aufwand das ist, wenn man das ernsthaft betreibt. Viele der Quereinsteiger geben daher auch auf oder akzeptieren Verluste. Da kann es schon vorkommen, dass jemand meint, »Meine Frau hat so ein tolles Gespür für Inneneinrichtung« und »Wir haben schon so viele tolle Hotels auf der ganzen Welt gesehen, ich glaube wir haben da schon einen ganz guten Überblick«. Das ist dann wirklich gefährlich.

Der riesige Kronleuchter im Eingangsbereich

Schlüsselmoment

2. Wie war das damals bei Ihnen? Gab es einen Schlüsselmoment, in dem sie beschlossen, Hotelier zu werden?

KK: Ich kam über die Immobilienschiene zur Hotellerie und habe die Branche auch unterschätzt. Ich hatte allerdings das Glück, dass mich das Ganze so dermaßen gepackt hat, dass ich meine volle Zeit und Energie reingesteckt habe. Nach sehr viel Arbeit und Lernkurven bin ich dann voll in der Branche angekommen und mache meinen Job mit großer Begeisterung. Es gibt aber definitiv einen Grund warum man das Ganze lernen und studieren kann.

Stilistische Desinfektion

3. Das Bachmair Weissach ist ein »alter Ort« mit einer eigenen Vorgeschichte. Wie sind Sie an das Projekt herangegangen, das Alte neu zu interpretieren?

KK: Angefangen hat alles mit der Phase der stilistischen Desinfektion. Die Zustände wären in allen Bereichen katastrophal. Ich habe anfangs einfach ganz stark entschlackt um mir einen Überblick zu verschaffen. Dann gingen wir in die Planung und haben im laufenden Betrieb Abschnitt für Abschnitt neu gemacht. Das war zugleich der größte Fehler. Ich hätte schließen sollen und das ganze Haus in einem Schritt neu machen. Unsere alten Gäste fanden es nicht mehr schön und die potenziell neuen noch nicht schön genug. Das haben wir aber jetzt gut überwunden und die Marke Bachmair Weissach ist eindeutig und sehr gut etabliert.

Die Mitarbeiterwand – von jedem ein Foto

Echte Orte im Digitalzeitalter

4. Mal auf einer etwas übergeordneten Ebene: Was ist Ihre Vision für ein Hotel, was für ein Ort sollte das sein? Und welche Rolle spielen diese Orte im digitalen Zeitalter?

KK: Ein gutes Hotel ist ein lebendes, atmendes Gebilde, das auch eine gewisse Eigendynamik hat. Wir sehen uns auch aufgrund meiner eigenen Biographie als Haus für jedes Alter und fast jede Lebenssituation, auch wenn wir aufgrund der Services die wir anbieten in einem etwas gehobeneren Preissegment sind. Luxus bedeutet bei uns aber auf keinen Fall Exklusivität durch Ausgrenzung. Als bekennender Lokalpatriot sind wir ein Haus mit Tegernseer DNA, stark beeinflusst von zeitgenössischem Design und persönlichen Elementen wir Philosophie, Kunst und einer Affinität zu Japan.

Der »Kitt« im Netzwerk

5. In vielen gesichtlosen Hotels bleiben die Gäste unter sich, sie sitzen jeden Abend nebeneinander an ihren Tischen, aber es ergeben sich keine Gespräche, kein Kontakt. Für mich ist tatsächlich der wichtigste Grund, warum ich besondere Hotels besuche, die besonderen Menschen, denen ich dort so leichtfüßig und außerhalb der formalisierten Rollen begegne, die wir in unserem »echten Leben« einnehmen.
Was für Menschen kommen ins Bachmair Weissach und warum? Was tun Sie, um Menschen an Ihrem Ort miteinander zu vernetzen?

KK: Es kommen natürlich und unkontrollierbar alle möglichen Menschen des Lebens. Die Frage ist, wer kommt wieder – und warum. Das sind Personen und Familien, die eben genau das oben erwähnte mögen. Wir sind kein klassisches Luxushotel in dem die typischen Standards nach Protokoll abgearbeitet werden. Bei uns menschelt es. Wenn wir uns einer Sache Verschreiben, wie beispielsweise dem Thema SPA, dann machen wir das sehr ernsthaft und versuchen immer eine Windung mehr Finesse zu haben als man üblicherweise findet. Durch Formate wie unsere philosophische Vortragsreiche »Korbinians Kolleg« oder unsere Kunstveranstaltungen kommen Menschen zueinander. Die besten »Networker« unter den Gästen sind aber mit großem Abstand die Kinder, die sich bei uns im Kidsclub, Spielarena, Reiterhof oder Playroom treffen und herzerwärmende Freundschaften schließen.

Bachmair Weissach Spa & Resort
Wiesseer Str. 1
83700 Rottach-Egern
+49 (0) 8022 2780
www.bachmair-weissach.com

Bussi Baby Hotel & Bar
Sanktjohanserstraße 46
83707 Bad Wiessee/Tegernsee
+49 (0) 8022 86 70
www.bussibaby.com

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